Überarbeitete Version vom 25.01.2005
Die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) versucht mit Esther Schapiras Dokumentarfilm „Der Tag, an dem ich ins Paradies wollte - Der Weg einer lebenden Bombe“ ein Gegenstück zu Hany Abu-Assads Terrorromanze „Paradise Now“ zu etablieren.
Über die Filmvorführung und die anschließende Diskussion berichtet Martin Schneider
„Jeden Morgen durchsucht er seinen Bus auf versteckte Sprengsätze.“ Gemeint ist Menashe Nuriel, ein ganz gewöhnlicher israelischer Busfahrer und doch ein Held. Am 2. August 2001 hinderte er nämlich den 16-jährigen Palästinenser Mohammed Besharat daran, seine mörderische Mission zum Ende zu bringen. Mehr als 50 Menschenleben vermochte er damit zu retten, darunter auch sein eigenes und das des minderjährigen Selbstmordattentäters. Seitdem lebt Menashe Nuriel in ständiger Angst: „Wo wartet der nächste Attentäter?“ Mohammed befindet sich indes in einem israelischen Gefängnis, verurteilt zu 18 Jahren Haft.
Der Weg des jungen Palästinensers und das Leben des mutigen Busfahrers stehen im Zentrum des 60-minütigen Dokumentarfilms von Esther Schapira, der nach den Ursachen fragt und ausnahmsweise nicht mit Israel antwortet. Die Regisseurin [1], die persönlich erschien um sich den Fragen des Publikums zu stellen, ist Redakteurin beim Hessischen Rundfunk. Ihr kritischer Film "Drei Kugeln und ein totes Kind - Wer erschoss Mohammed al-Dura?" hatte bereits international Aufsehen erregt. Im Anschluss erhielt sie sogar Morddrohungen von Islamisten und musste sich fortan auf Veranstaltungen von Sicherheitskräften beschützen lassen.
„Anlässlich der kritischen Diskussion um den Film "Paradise Now" in den letzten Wochen und das von der Bundeszentrale für politische Bildung produzierte Begleitheft, das der Behandlung des Themas in Schulen dienen soll, wollen wir Ihnen mit dem Film von Esther Schapira eine sehenswerte Alternative vorstellen.“
Die Einladung der Berliner Verbände der Deutsch-Israelischen Gesellschaft [2] und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit klang vielversprechend. Zur Filmvorführung, die am 16. Januar im Großen Saal des Centrum Judaicum stattfand, kamen dann auch ungefähr hundert, junge wie alte Besucher. Routinemäßig wurden sie am Eingang von Sicherheitsleuten kontrolliert.
Fakten und Fiktionen
„Es war noch nie wichtiger über Israel zu reden, als heute.“ Mit diesen Worten leitete der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Jochen Feilcke, die Veranstaltung ein.
Anschließend ergriff die stellvertretende Vorsitzende der DIG, Meggie Jahn, das Wort. Für die Filmvorführung mit Esther Schapira habe man sich anknüpfend an den Runden Tisch zu „Paradise Now“ [3] entschieden. Sie führte weiter aus, dass die an deutschen Schulen verwendete Begleitbroschüre der Bundeszentrale für Politische Bildung zum Film von Hany Abu-Assad nicht ausreichend sei, um Schülern ein differenziertes Bild über den Konflikt im Nahen Osten zu vermitteln. Die Broschüre lasse wichtige Fakten, wie das Camp-David-Abkommen und Baraks Zugeständnisse an Arafat vermissen. Schapiras Dokumentation solle daher gleichzeitig mit „Paradise Now“ an deutschen Schulen Gegenstand des Unterrichts werden.
Schließlich richtete die Filmemacherin selbst einige Worte an das Publikum. Sie habe einen Dokumentar- und keinen Spielfilm produziert. Dies sei der „Unterschied ums Ganze“ zu „Paradise Now“. Mohammed Besharat existiert tatsächlich und sein Versuch sich in die Luft zu sprengen, ist nicht fiktiv. Es habe „kein Casting“ gegeben und „zwei Jahre hartnäckigen Nachfragens“ in Anspruch genommen, um aufzuzeigen „warum er es gemacht hat“.
Die Schwächen des Liebling Europas, der nun auch noch den Golden Globe für den besten ausländischen Film erhielt, sind offensichtlich die Stärken von Schapiras Dokumentation. Wobei die Schwächen letztgenannter (von denen noch zu reden sein wird) keinesfalls die Stärken von „Paradise Now“ sind. Solidarität mit Israel ist für sie selbstverständlich, Appeasement mit dem Terror hingegen nicht. Fundamental unterscheiden sich also nicht nur das Genre, sondern auch die Perspektive der beiden Filme. Zur Rezeption Schapiras Dokumentation lohnt es sich, den Artikel „Weil ich ein Märtyrer sein will“ [4] zu lesen, den sie für die Tribüne geschrieben hat. Darin gibt sie kurz und knackig den Inhalt wieder und knüpft (selbst)bewusst an die realitätsferne Inszenierung vom palästinensischen Regisseur Hany Abu-Assad an. Unangenehme Fakten, wie die europäischen Mittel zur Finanzierung von antisemitischen Schulbüchern und die Ignoranz europäischer Medien hinsichtlich antisemitischer Selbstmordattentate machen den Film schließlich sehenswert. Sie erklären aber auch, warum ein faktenloser Spielfilm ohne jüdische Opfer Old Europes Herzen eroberte. Und im Gegensatz dazu ein fiktionsfreier Dokumentarfilm mit jüdischen Opfern, der sich auch noch gegen die europäische Unvernunft richtet, kaum rezipiert wird. Dort also, wo der antisemitische Mörder per se das Opfer und das jüdische Opfer ebenso selbstverständlich der Provokateur ist, lässt sich mit solch einem Film freilich nicht Hof machen.
„Wo wartet der nächste Attentäter?“, diese Frage steht exemplarisch für das, was „Paradise Now“ nicht grundlos vermissen lässt. Aus ihr spricht die Angst des Busfahrers, mit ihr antwortet die Vernunft eines Individuums und Familienvaters, der seinen Job weitermacht und sich nicht einer extremistischen Terrorgruppe anschließt, um Rache zu üben. Ein Mensch, der in Israel zum Helden wurde, weil er ein Attentat verhindern und so Menschenleben retten konnte. Ganz anders Mohammed, der nun als Märtyrer gefeiert wird, trotzdem seine mörderische Operation fehlschlug. Auch er hatte einen Anlass wütend zu sein – als nämlich die israelische Armee seinen Cousin und drei weitere Terroristen eliminierte, um von ihnen geplante Anschläge zu verhindern. Mohammed aber zog daraufhin in den „Heiligen Krieg“, mit einer Bombe und ohne Gewissen. Vier Jahre später spricht er mit Esther Schapira. Auf die Frage, ob er seine Tat heute bereuen würde, antwortet er fernab von Reue und Reflektion: „Ich bin weder froh, noch traurig, dass es nicht geklappt hat“. Dadurch dass Schapira - wie es so schön heißt und diesmal auch wirklich gut gemeint ist - beide Seiten betrachtet, gelingt es ihr den Anachronismus zwischen offenen und autoritären Gesellschaften aufzuzeigen, den sie veranschaulichend bebildert ohne sich des Pathos zu bedienen. Der Appell an Restvernunft statt an westlichen Selbsthass und der offenkundige Zukunftsoptimismus anstelle der fatalistischen Untergangsstimmung sind die wesentlichen Antagonismen Schapiras Dokumentation verglichen mit dem preisgekrönten Kinofilm.
Doch ihr Film hat auch Schwächen. Konzentriert sie sich schließlich vordergründig auf rationale Erklärungsansätze für die Motivation des suicide bombers. Sie widerlegt zwar gekonnt die These, dass sich Selbstmordattentäter aus Armut und Verzweiflung zur Selbstopferung verleiten lassen würden. Weiterhin führt Schapira die sexuelle Zwangsmoral im Kontext mit der Aussicht des Djihadisten auf 72 Jungfrauen im Paradies als eine von vielen Ursachen ins Feld. So erscheint das Umfeld von Mohammed alles andere als pauperisiert und ungebildet, die Mutter beinahe wie eine Dissidentin. Und so kritisiert sie den Islam als solchen und nicht diejenigen, die ihn angeblich falsch für sich auslegen würden, wenn sie Aufrufe zum Judenmord in palästinensischen Moscheen und arabischen Medien dokumentiert. Von eliminatorischen Antisemitismus und Islamfaschismus derweil spricht sie nicht. Folglich belässt sie es nicht bei der Negation des antisemitischen Terrors. Als sie die Tochter des israelischen Busfahrers interviewt, die ihren naiven Dialog mit den Worten „We can do it“ abschließt, spricht Schapira zweifellos auch für sich selbst. Es hat den Anschein, als würde sie die Irrationalität der Täter aber auch ihrer Versteher unterschätzen. Folgerichtig versucht sie einen Positivismus zu vermitteln, der selbst irrational aufgeladen ist. Und zwar im Stile eines Henryk M. Broder, der zunächst wie kein zweiter den antisemitischen Hintergrund pointiert und dann aber doch – vielleicht um kein Spielverderber zu sein – einen substanzlosen Optimismus proklamiert [5]. Hätte sie darauf verzichtet, der Film wäre brillant. Es bleiben nämlich viele gute Stellen, wovon einige anschließend in der Diskussionsrunde tangiert wurden.
Fragen und Antworten
Die Moderation der Diskussion mit der Regisseurin übernahm Maya Zehden, die Geschäftsführerin der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Sie wiederholte gleich zu Beginn das Argument, dass die bereits auf der Podiumsdiskussion zu „Paradise Now“ [6] anführte. Dass nämlich in diesem Film nicht nur zu wenig Politik, sondern auch zu wenig Emotionen berücksichtigt werden. Im Film von Schapira fand sie eben jene Eindimensionalität erfreulicherweise nicht vor. (Alle nicht näher gekennzeichneten Zitate stammen von Esther Schapira, Anm. Martin Schneider)
1. Als erstes meldete sich eine Frau und versuchte eine Lanze für „Paradise Now“ zu brechen. Sie fragte, warum Schapira denn unbedingt einen Grund für die Selbstmordattentäter brauche, warum sie es überhaupt verstehen wolle. Daraufhin nahm Schapira ihrerseits „Paradise Now“ auseinander: Es handele sich um einen „Agitprop-Film“, wogegen nichts zu sagen sei. Der Regisseur Hany Abu-Assad versuche aber seinem Film einen „authentischen Schein“ zu verleihen. Er tut ihrer Meinung nach so, als sei es ein Dokumentarfilm. Dadurch dass er ein Film auch aus und für Europa ist, ergibt sich für die Regisseurin der Konflikt. In Israel hingegen sei er kein Problem, da die Menschen dort die Realität sehr wohl kennen würden.
2. Anschließend fragte ein junger Mann, warum denn der im Film auftretende Staatsanwalt ein Militär sei. Dies begründete Schapira mit der Herkunft Mohammeds, der Westbank. In den „besetzten Gebieten“ wäre israelisches Recht nicht anwendbar. Daher musste sich auch Mohammed vor einem Militärgericht verantworten.
3. Als nächstes kam eine ältere Frau zu Wort, die in „Paradise Now“ auch authentische Szenen gefunden zu haben vorgab. So auch die Szene, in dem das Märtyrervideo aufgrund technischer Probleme ein zweites Mal gedreht werden musste. Warum gerade diese Stelle im Film so gar nicht authentisch ist, führte Schapira folgendermaßen aus: Israel wird im Video als solches (und nicht wie gewöhnlich als „zionistisches Gebilde“ oder ähnliches) benannt, was unmöglich sei. Noch realitätsfremder wäre aber die Begründung für den Anschlag in dem Video nach der „Israel eine Zwei-Staaten-Lösung ablehnt“. Sie unterstrich abermals die Brisanz dieser politischen Botschaften in Anbetracht des europäischen Zielpublikums, das den Film nicht zufällig bejubelt hat.
4. Nun schaltete sich die Moderatorin in die Diskussion ein. Maya Zehden von der DIG versuchte die Frage nach den Terrorursachen mit der Manipulation und Propaganda in der islamischen Welt zu beantworten und erkundigte sich nach deren Aktualität. Dabei erschien sie sichtlich entspannter als bei ihrer nicht beneidenswerten Rolle während der Podiumsdiskussion zu „Paradise Now“. Damals musste sie als einzige Frau auf dem Panel gegen fünf mehr oder weniger israelfeindliche Männer (einschließlich dem Moderator) antreten. Schapira stimmte ihr zu und ergänzte die Manipulation der arabischen Medien um die Propaganda in den Schulbüchern. Auch die neuen, von Europa finanzierten Schulbücher würden Landkarten ohne Israel ausweisen und Sprachunterricht sei an palästinensischen Schulen zumeist auch noch verboten. Die zum Judenmord aufrufenden Ausschnitte aus dem arabischen Fernsehen, die sie in der Dokumentation verwendet hat, stammen zwar aus dem Jahre 2000. Jedoch nur, wie sie ergänzte, damit Mohammed sie theoretisch gesehen haben könnte.
5. Bezug nehmend auf die Frage eines Mannes nach potentiellen Resozialisierungsmöglichkeiten von Terroristen, beschreibt die Filmemacherin die recht chaotischen Bedingungen in dem Gefängnis, in dem sie Mohammed interviewte. Das Gespräch musste aufgrund von Platzmangel in der Waschküche stattfinden, was den Tontechniker beinahe um den Verstand gebracht hätte. Offensichtlich hatte Mohammed ein Auge auf eine Gefängnisangestellte geworfen, die wie ein „Model“ aussah. Auf Schapiras Frage, ob er sich auch in die Luft gesprengt hätte, wenn sie im Bus gesessen hätte, antwortete er nämlich hochrot: „Es ist nicht unsere Absicht schöne Frauen zu töten.“ Im Kontext mit den Schwierigkeiten der Dreharbeiten im Gefängnis sagte sie: „Alles ist erst verboten und am Ende geht alles.“ Die Gemeinschaftszelle der Terroristen beschrieb sie etwas lapidar als „Wohngemeinschaft“. Gegen eine Isolation der Gefangenen führte sie mehrere Argumente an: Es wäre brutal, da ignorant gegenüber der islamischen Kultur, die der Gemeinschaft (z.B. der Großfamilie) große Bedeutung zuspricht. Außerdem gäbe es pragmatische Sicherheitsaspekte und räumliche Defizite. Eine Therapie, nach westlichen Standards, hält sie für naiv. Doch auch die Gemeinschaftshaft bürgt ihrer Meinung nach Risiken. So wären die vier Jahre Haft für Mohammed gleich bedeutend mit vier Jahren weiterer Gehirnwäsche.
6. Ein Lehrer sprach im folgenden die progressive Haltung der Eltern Mohammeds an, die im Falle der Mutter sogar den Verführern ihres Sohnes den Kampf ansagte. Schapira relativierte zumindest die Position des Vaters, der mehr als die menschlichen Standards, seine eigene patriarchale Macht unterminiert sah. Folgerichtig zitierte sie ihn mit den Worten: „Die hätten mich fragen müssen“. Außerdem konstatierte sie im Elternhaus eine bedrohliche Atmosphäre, für die im Wesentlichen der wahrscheinlich für den Islamischen Djihad aktive Bruder Mohammeds verantwortlich war. Dennoch sprach sie von einem „hoffnungsvollem Zeichen“ und kritisierte, dass „Paradise Now weit hinter der inner-palästinensischen Debatte“ zurückbleibt. Zuvor machte Schapira darauf aufmerksam, dass sie den Film alternativ zum Begleitheft zu „Paradise Now“ an deutschen Schulen vorgeschlagen hat. Die Bundeszentrale für Politische Bildung lehnte dies jedoch mit der dubiosen Begründung ab, dass man die Kinder nicht zwingen sollte Fernsehen zu schauen. Der Weg ins Kino hingegen soll unproblematisch sein. Die Grenzen der Aufklärung sind offensichtlich nur dann nicht durch mediale Mauern versperrt, wenn Verständnis für Terror – nicht aber für dessen Opfer – gepredigt werden kann. Wer wie der engagierte Lehrer den Film dennoch zu pädagogischen oder anderen Zwecken nutzen will, solle sich an Schapira wenden.
7. Ein weiterer Einwurf eines Mannes mittleren Alters zielte auf die Ausbildungsmöglichkeiten Mohammeds ab. Fernstudium aus dem Knast? Dies nutzte die Regisseurin noch einmal dazu, die hervorragende Ausgangsposition des intelligenten Jugendlichen vor dem versuchten Selbstmordattentat aufzuzeigen: Dem Abitur nahe, gute Noten, die Aussicht auf ein Studium und die Erfüllung seines Wunsches als Arzt oder Ingenieur zu arbeiten. Damit widerlegte sie einmal mehr die in Europa virulente Sozialverliererthese.
8. Auf die Frage eines Mannes, wie denn die Interviews zustande gekommen sind, verwies sie auf ihren Dolmetscher. Außerdem berichtete sie von ihren Schwierigkeiten in den palästinensischen Gebieten zu drehen. Durch ihren Film „Drei Kugeln und ein totes Kind. Wer erschoss Mohammed al-Dura?“ genieße sie dort alles andere als einen guten Ruf.
9. Danach fragte jemand, was denn Mohammed nach der Haft zu erwarten hätte. Schließlich sei er mit seinem Auftrag gescheitert. Schapira stelle daraufhin klar, dass er trotzdem ein Märtyrer bleibt und er nun sogar seine Familie mit ins Paradies nehmen darf. Ein wichtiger Aspekt in der islamischen Gemeinschaft, in der family values vor Eigennutz gehen. Dass im Paradies angeblich 72 Jungfrauen auf den suicide bomder warten, scheint auch Mohammed regelrecht angeturnt zu haben. Immer wieder kam er im Film auf die Jungfrauen zu sprechen. Für Schapira ein deutlicher Beleg für das „sexualrepressive Umfeld“, indem vor allem junge, muslimische Männer ihr konkretes Bedürfnis nach sexueller Befriedigung zu unterdrücken veranlasst sind. Ihrer Meinung zufolge ist die Bereitschaft zur Selbstopferung also auch ein „Testosteronproblem“.
10. Auf die Frage nach der Rolle des Islams und dessen Macht auf die Jugend antwortet Schapira mit dem Nationalsozialismus, also der deutschen Geschichte. Auschwitz sei ohne islamischen Hintergrund möglich gewesen. Auch hierzulande zogen Kinder für den Führer in den Krieg. Damals wie heute handelt es sich, so Schapira, um „politischen Kindesmissbrauch“. Den Terror konkret als faschistisch zu denunzieren, wagte sie jedoch nicht.
11. Die nächste Frage nach der filmischen Darstellung von Israelis und Palästinensern wurde von einem jungen Mann in englischer Sprache vorgetragen und von Esther Schapira auf deutsch beantwortet. Sie beklagte die in Europa hegemoniale Darstellung der Palästinensern als Bauern. Dabei wären sie „das gebildeste arabische Volk“. Ihr Film hingegen mache Divergenzen in der palästinensischen Gesellschaft deutlich. Auch die israelische Gesellschaft habe sie versucht differenziert zu betrachten. Die Darstellung einer Straßensperre in den besetzten Gebieten brachte ihr, so führt sie aus, besonders aus dem rechten Lager in Israel viel Kritik ein. In der besagten Szene wertet sie unter anderem das Gebet eines jüdischen Soldaten in den „besetzten Gebieten“ als „zynisch“. Sie wolle auch die Leiden der Palästinenser infolge der Besatzung nicht aussparen.
12. Anknüpfend an die Kardinalsfrage nach den Ursachen des Terrorismus, meldete sich daraufhin eine ältere Frau aus dem Publikum zu Wort. Sie machte dafür in aller Deutlichkeit den Judenhass der Palästinenser verantwortlich und betonte, dass viele gar keine Erfahrungen mit Juden gemacht hätten. Dagegen brachte Schapira die Unbrauchbarkeit monokausaler Erklärungsversuche in Stellung und wies auf rege Kontakte zwischen beiden Parteien vor der Intifada hin. Des weiteren führte sie ihren Artikel „Weil ich ein Märtyrer sein will“ ins Feld. Dort habe sie das freundschaftliche Verhältnis Mohammeds Familie mit der Familie des jüdischen Arbeitgebers seines Vaters näher erläutert.
13. Anschließend interessierte sich eine Frau nach den Reaktionen aus Europa auf den Konflikt. Diese beschrieb Schapira mit Vokabeln wie „Naivität“ und „Desinteresse“, wobei unklar blieb, warum „Paradise Now“ derart interessiert von Europa rezipiert und mit Preisen überhäuft wurde. Dass besonders der Boden der deutschen Geschichte bis nach Palästina reicht, vermochte sie an dieser Stelle leider nicht zu explizieren. Vielleicht war das aber auch gar nicht ihre Intention. Wie auch immer, die Diskussion neigte sich allmählich dem Ende zu. Die Beiträge klangen mehr und mehr erschöpft und die Beitragenden müde.
14. Als Frau Zehden die Debatte bereits zum Ende bringen wollte, meldete sich eine offensichtlich kundige Beobachterin israelischer Politik und bat um ein Statement zur Anwältin Mohammeds, die auch im Film interviewt wurde. Ihres Wissens wird sie von der israelischen Rechten scharf für ihr pro-palästinensisches Engagement kritisiert. Schapira plauderte daraufhin ein wenig aus dem Nähkästchen: Das Interview mit der Anwältin fand in einem palästinensischen Hotel statt, indem sie zuvor noch Wasserpfeife rauchte. Obwohl sie in der Friedensbewegung aktiv ist, sei sie jedoch nicht anti-israelisch.
Wahrheit und Wahn
Dass sich der Film auf Fakten stützt, macht ihn gut und dass er sich der Wahrheit annähert, statt sie zu verklären, noch besser. Betrachtet man das Unterfangen Schapiras jedoch teleologisch, fragt man also nach dem Zweck des Ganzen, ergibt sich eine perfide Problematik. Wie sie in ihrer Dokumentation selbst nachweist, geht es der europäischen Öffentlichkeit nicht um die Wahrheit und dem Antisemiten nicht um das bessere Argument. Eines hat sie aber offensichtlich nicht verstanden. Dem Antisemiten geht es nicht einmal um den Juden und auch dem Antizionisten ist Israel im Grunde egal. Sie verkennt ganz einfach den projektiven Charakter des Antisemitismus und tappt so in die Falle. Dort befindet sie sich in bester Gesellschaft. Schon viele Juden und Nicht-Juden vor ihr haben die selbe Sisyphosarbeit wie sie unternommen und versucht, dem Antisemiten seinen Antisemitismus auszureden. Ein fataler Irrtum, dem auch sie aufgesessen ist, wenn sie wie im Film das freundschaftliche Verhältnis Mohammeds Familie mit dem jüdischen Arbeitgeber seines Vaters in Szene setzt. Im In-Fight mit dem Gegenstück „Paradise Now“ muss „Der Tag, an dem ich ins Paradies wollte“ verlieren, bleibt es beim Schrei nach Liebe. Holt man ihn jedoch aus dem Ring, bleibt der gewinnbringende Gehalt Schapiras Dokumentation unbestritten: die Wahrheit nämlich, die sich im Wortsinn bewahrheitet. Auch wenn sie kaum jemand wissen will.
Fußnoten:
[1] Einige ergänzende Informationen zur Regisseurin:
http://www.perlentaucher.de/autoren/4146.html
[2] Die Homepage der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Berlin:
http://www.digberlin.de/
[3] Zum besseren Verständnis des Films „Paradise Now“ empfiehlt sich die Lektüre der Rezension von Tobias Ebbrecht (Typoskript): Die „post-israelische Ära“ als Kinoversprechen (
http://www.typoskript.net/texte/artikel_0021/0021_web.htm )
[4] Der Artikel von Schapira als PDF-Datei: (
http://www.tribuene-verlag.de/TRI_Schapiera-1.pdf )
[5] Für Henryk M. Broder im Übrigen ist „Paradise Now“ ein „guter, ein wichtiger Film“. Mehr dazu gibt es in seinem Streitgespräch mit Ralf Schroeder, das auf der Website der DIG Berlin zu finden ist und hier zum Download bereit steht: (
http://www.digberlin.de/PDFUPLOAD/streitgespraech_schroeder_broder.pdf )
[6] Ein ausgezeichneter Bericht zur Podiumsdiskussion zu „Paradise Now“ findet sich auf dem Weblog von classless:
http://myblog.de/classless/art/2042345